Brigitte Hafner
ist Kommunikatorin in der Rail Cargo Group
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Forschung & Entwicklung

Flüsterbremse

Züge auf leisen Sohlen

Stellt euch vor, ihr werdet mitten in der Nacht aus dem Schlaf gerissen. Der Grund dafür: ein vorbeidonnernder Güterzug. Das soll sich bald ändern. Bis Ende 2021 sollen sowohl Anrainerinnen und Anrainer von Bahnstrecken als auch Touristinnen und Touristen vom Güter-Bahnlärm entscheidend entlastet werden. Denn mit der Umrüstung von Güterwaggons auf neue, lärmarme Bremssysteme mit modernen Verbundstoff-Bremssohlen wird die Lärmbelastung hörbar reduziert.

Güterzüge, die mit hoher Geschwindigkeit unterwegs sind, sind vor allem für Anrainerinnen und Anrainer sowie Gäste in Tourismusregionen unangenehm. Die größte Lärmquelle ist das Rollgeräusch von Güterzügen, das zwischen Rad und Schiene entsteht. Den Lärm verursachen raue und abgenützte Laufflächen der Waggons, die auf raue Schienen treffen. Nun sollen Güterwaggons flächendeckend mit sogenannten Flüsterbremsen ausgestattet werden. Dafür werden Bremsklötze verwendet, die aus Kautschuk- und Kupfer-Verbundstoffen gefertigt werden. Das sind elastischere und somit geräuschärmere Materialien, als sie bei älteren metallischen Graugussbremsen verwendet wurden. Während bei jedem Bremsvorgang mit Grauguss-Bremssohlen die Laufflächen der Räder aufgeraut werden, bleiben bei Flüsterbremsen die Räder glatter. Deshalb verursachen Güterzüge mit beispielsweise Kompositsohlen (K-Sohlen) oder die seit 2013 zugelassenen LL-Sohlen („low noise, low friction“ – wenig Lärm, wenig Abrieb) weniger Lärm, da aufgrund ihrer glatteren Oberfläche die Rollgeräusche entscheidend leiser sind.

Wenn Lärmreduktion hörbar wird

Verkehrsminister Jörg Leichtfried, Kärntens Landeshauptmann Peter Kaiser und Verkehrslandesrat Rolf Holub machten sich in Krumpendorf am Wörthersee Ende September während einer Demonstrationsfahrt eines mit zur Hälfte mit modernen Verbundstoff-Bremssohlen ausgestatteten Güterzugs selbst ein Bild von der Lärmentlastung. Der Unterschied war deutlich hörbar, beträgt er doch bis zu zehn Dezibel. Das bedeutet, dass die Züge fast um die Hälfte leiser klingen als herkömmliche Waggons mit Graugussbremsen.

Die Rail Cargo Group hat heute schon 40 Prozent des in Österreich eingesetzten Wagenmaterials leise. Denn alle neuen Wagen werden bei der Rail Cargo Group bereits mit modernen, leiseren Bremsen ausgeliefert. Bis Ende 2021 werden wir über 90 Prozent unserer Fahrzeuge, die wir in Österreich hauptsächlich nützen, auf lärmarme Bremstechnik bzw. leise Sohlen umgerüstet haben.

Präsentation neuer Bremssysteme für Güterwaggons durch BM Jörg Leichtfried, LH Peter Kaiser und LR Rolf Holub
©fritzpress

Wenn Unebenheiten am Gleiskörper zur Lärmbelastung werden

Aber nicht nur Güterwagen und ihre Bremssysteme können zur Lärmbelastung werden. Durch das Befahren von Zügen bilden sich auf der Schienenoberfläche kleine Schlupfwellen oder Verdrückungen des Schienenkopfes, die eine Lärmquelle darstellen und zudem Fahrzeuge und Schienenoberbau durch Vibrationen belasten. In solchen Fällen kommt der Schienenschleifzug zum Einsatz, eine rund 70 Meter lange, 2.500 PS starke und mit 24 Schleifmotoren ausgestattete Spezialmaschine, welche die feinen Unebenheiten an der Schienenoberfläche entfernt. Dabei wird die oberste Schicht von rund 0,3 Millimeter abgeschliffen bzw. abgetragen. Die Lauffläche wird glatt und der Kontakt der Räder zum Gleis optimiert. Das Zusammenspiel Rad/Schiene läuft somit wieder wie geschmiert.

Eine Wohltat für Anrainerinnen und Anrainer entlang der Bahn. Wird doch das Geräusch eines vorbeifahrenden Zuges durch das neue Schienenprofil deutlich reduziert. Aber auch für BahnfahrerInnen bedeuten ebene Laufflächen ein ruhigeres, angenehmeres Reisen und somit mehr Fahrkomfort. Zumal die Lebensdauer von Schienen um ein Vielfaches verlängert wird.

 Ein Ohrenschmaus für die Bevölkerung

Für die Bevölkerung entlang der Schienengüterkorridore bedeuten diese Maßnahmen jedenfalls ein Aufatmen. Das Thema macht jedoch an Österreichs Landesgrenzen nicht halt. Vielmehr gilt, den Bahnlärm an seinen Quellen zu reduzieren. Denn nur wenn alle europäischen Bahnen und privaten Wagoneigentümer auf moderne Bremstechnologie setzen, kann eine entscheidende Entlastung gewährleistet werden. Und das flächendeckend über ganz Europa. Ziel ist es, Europas umweltfreundlichsten Güterverkehr deutlich leiser und damit noch attraktiver zu gestalten. Denn mit jeder per Bahn transportierten Tonne schonen wir die Umwelt: Im Vergleich zum Straßengüterverkehr verursacht der Güterverkehr auf der Schiene der Umwelt nämlich 18-mal weniger CO2.

Die Umrüstung auf sogenannte Flüsterbremsen wird auf Initiative des Verkehrsministeriums mit einem Flüsterbonus bei der Schienenmaut belohnt und motiviert Transportunternehmen zum Umstieg.